Der Landkreis präsentiert sich weltoffen

Interkulturelle Wochen haben begonnen / Theologe analysiert Ursachen und Auswirkungen der Angst

Artikel aus der BNN vom 24. September 2019 - Von Martina Holbein

Rastatt. Heutzutage ist der „schwarze Mann“ der Islam. War es vor 80 Jahren „der Jude“, im Kalten Krieg „der Russe“, sind es heute die Muslime, die Angst und Schrecken verbreiten. „Wer Angst personifiziert, schafft die Basis, dass dieses diffuse Unwohlsein mit realen Menschen identifiziert werden kann.“ Über die „Angst als denkbar schlechten Ratgeber“ sprach der katholische Theologe und Pfarrer Jörg Sieger bei der Auftaktveranstaltung der Interkulturellen Wochen im Kreistagssaal.

Es sei einfach, die Vielfalt eines Menschen auf eine ganz bestimmte Facette zu verkleinern. Schwierig werde es und für diesen Menschen verletzend, wenn der Gegenüber gar nichts weiter von ihm kennlernen will und nur so wahrnimmt, worauf er ihn reduziert hat. „Da entsteht ein Gefühl, nichts wert zu sein, nicht mit Respekt gesehen zu werden“, so Jörg Sieger. Er betreibe eine Website gegen Rassismus und werde dort E-Mails konfrontiert, die dem Islam absprechen, eine Religion zu sein. Manche der E-Mail-Schreiber seien so fixiert auf ihre Meinung, dass eine sachliche und argumentative Diskussion unmöglich geworden sei. „Emotionen können wir nicht mit Argumenten begegnen“, so der Theologe, der dieses Phänomen mit Sorge auch in der gegenwärtigen Gesellschaft wahrnimmt. Die Globalisierung mache vielen Menschen Angst. Es sei schwer fassbar, was diese in den Bereichen Wirtschaft oder künstliche Intelligenz oder Digitalisierung bewirke, fremd eben. Und dieses „fremd sein“ bekomme von den Rechten einen Namen: Islam. Mangelnde Wertschätzung der Lebensleistung, Angst vor dem Fremden, gerade weil man es nicht kenne, machten anfällig für einfaches Schwarz-weiß-malen und Sündenböcke seien schnell gefunden. In einer vielfältigen Gesellschaft, so der Referent, gedeihen viele verschiedenartige Milieus.

Schwierig werde es, wenn diese sich nicht mehr begegnen. Und diese Begegnung werde zukünftig noch wichtiger, denn wenn der Klimawandel in dem Tempo weitergehe und Lebensgrundlagen vernichte, dann würden Klimaflüchtlinge kommen. „Wir leben über unsere Verhältnisse, sind Hauptverursacher des Klimawandels. Das fällt wie ein Bumerang auf uns zurück.“

Angesichts von Pegida und Co und der fehlenden Möglichkeit, mit diesen Menschen ins Gespräch zu kommen, mache er sich große Sorgen. Aber Angst habe er keine, denn „Angst ist kein Boden, auf dem Lösungen wachsen“.

Mit dem Verweis auf die ersten drei Artikel des Grundgesetzes hatte Jörg Peter, Erster Landesbeamter in Vertretung des Landrats, die Veranstaltung eröffnet. Für den Landkreis, in dem 143 Nationen leben, seien diese drei Wochen ein starkes Zeichen der Zivilgesellschaft. Vereine, Initiativen, Institutionen und die Kommunen haben ein Programm zusammengestellt, das zur Begegnung der verschiedenen Kulturen einlädt.

Eine Begegnung ganz launiger Art ermöglichte der Stand-up-Comedian Nektarios Vlachopoulos. Er, Sohn griechischer Eltern, in Deutschland geboren, macht sich Gedanken über Integration nur dann, wenn er für sein gutes Deutsch gelobt wird. „Das habe ich von meiner Kindergärtnerin gelernt“, so der smarte ehemalige Deutschlehrer. „Zu Hause wurde nur griechisch gesprochen, also kam ich völlig unbeleckt von irgendwelchen Idiomen in den Kindergarten und lernte – hochdeutsch.“ Der Restschliff in Sachen deutscher Dialekte, in diesem Fall der schwäbische, erledigte die Grundschule. Wie gut, demonstrierte er an einer übersetzten Szene aus „Fifty Shades Of Grey“. Die ursprünglich knisternde Erotik hatte sich zwischen „Spätzle“ und „Schätzle“ und nicht wiederholbaren „les“ in Luft aufgelöst.

Intelligent, pointiert und politisch scharfzüngig beschrieb er seine Position als „Zwitter“, die ihm nur dann bewusst werde, wenn er darauf angesprochen wird, wie gut er integriert sei. Einen musikalischen Vorgeschmack auf die Vielfalt des Programms gaben das Gitarrenensemble und das Baglama-Ensemble der städtischen Musikschule Rastatt.

(Erstellt am 25. September 2019)