Emotionale Debatten ersticken Argumente

Eindringliche Plädoyers zum Auftakt der interkulturellen Wochen

Artikel aus dem BT vom 24. September 2019

Rastatt (xs) - Ein katholischer Theologe und Priester sowie ein Poetry-Slammer und Humorist mit griechischen Wurzeln begeisterten das Publikum zum Auftakt der interkulturellen Wochen im Landkreis Rastatt.

Mehr als 143 verschiedene Nationalitäten sind in unserem Landkreis zuhause", sagte Landrat-Stellvertreter Jörg Peter bei der Begrüßung. Wirtschaftlicher Wohlstand sei ohne die Arbeitsleistung der Migranten nicht denkbar.

Mit Dr. Jörg Sieger, Priester in der Erzdiözese Freiburg, trat ein engagierter und eloquenter Redner ans Pult zum Thema Islamfeindlichkeit in Deutschland. In seinem Vortrag " Wer hat Angst vorm schwarzen Mann - oder - Angst ist ein denkbar schlechter Ratgeber" ging er auf die Herausforderungen im Hinblick auf das friedliche Miteinander der Kulturen und Religionen ein. Die Komplexität der Globalisierung und die Sorgen um die eigene Zukunft würden viele Menschen in die Arme rechter Gruppierungen treiben. Ängste würden instrumentalisiert und einfache Lösungen präsentiert, indem Muslime zu Sündenböcken gemacht werden. "Sie zählen nicht mehr", sagte Sieger und meinte damit die muslimischen Mitbürger. Inzwischen sei es egal, was Muslime sagen, denken oder arbeiten. Man reduziere sie auf ihren Glauben, ob sie ihn ausüben oder nicht. Der Islam werde nicht mehr als Religion akzeptiert, sondern nur noch als Ideologie. Das befeuere emotionale Debatten und lasse keinen Raum mehr für rationale Argumente, erläuterte der Theologe.

Petra Heinisch-Hildenbrand, Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Rastatt, leitete die Diskussionsrunde zwischen Sieger und dem Publikum. Auf die Frage, wie Politik mit emotionalisierten Debatten umgehen solle, wusste er einen Rat: "Nicht nur Fakten sprechen lassen, sondern auch die positiven Entwicklungen zeigen und das Gefühl von Gerechtigkeit vermitteln." Eindringlich warnte er, dass es in unserer Gesellschaft "keine überflüssigen Menschen geben dürfe" und spannte einen Bogen zu den Bürgern in Ostdeutschland. Viele heutige irrationalen Ängste wären obsolet, wenn man den Ostdeutschen nach der Wende die Hand gereicht und gesagt hätte: Machen wir auf Augenhöhe gemeinsam weiter. Ein Motto, das auch für Zuwanderer gelten sollte.

Im anschließenden Best-Of beschäftigte sich der der preisgekrönten Poetry-Slammer und Humorist Nektarios Vlachopoulos mit der Frage: "Warum werde ich eigentlich immer zu interkulturellen Veranstaltungen eingeladen?" Schließlich sei er in Deutschland geboren, Deutsch seine Muttersprache und er ein studierter Deutsch- und Englischlehrer. Pointiert erzählte er von seiner Kindheit im Kraichgau. Täglich sei er der badisch-schwäbischen Rivalität im Schulhof ausgesetzt gewesen. Sein Wunsch war immer, der Coolste in der Klasse zu sein - auch als Vlachopoulos längst Lehrer war und vor der Klasse stand. Seine skurrilen und pfeilschnell vorgetragenen Betrachtungen des Alltags garnierte der Sprachkünstler mit Anekdoten und philosophischen Gedankengängen. Vlachopoulos lieferte intelligente Stand-up-Comedy, die mit viel Applaus bedacht wurde.

Umrahmt wurde die Veranstaltung von den Gitarren- und Baglama-Ensembles der Musikschule Rastatt.

(Erstellt am 25. September 2019)