Fachtag „Radikalisierung und Prävention“ im Landratsamt

„Warum radikalisieren sich junge Menschen und was können wir tun, um das zu verhindern?“ Mit diesem Thema beschäftigte sich der Fachtag „Radikalisierung und Prävention, der im Landratsamt Rastatt stattfand. „Willkommen bei Freunden – Bündnisse für junge Flüchtlinge“, ein Programm der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung und des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat die Veranstaltung mit dem Schwerpunkt „Islamistische Radikalisierung“ zusammen mit dem Sozialamt und dem Amt für Migration und Integration organisiert.

Tamina Hommer, Integrationsbeauftragte des Landkreises Rastatt, begrüßte rund 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, darunter Integrationsbeauftragte der Kommunen, Sozialarbeiter, Integrationsmanager, Mitarbeiter der Ausländerbehörde, des Jobcenters, der Kommunalverwaltung sowie Ehrenamtliche, die in der Flüchtlingshilfe aktiv sind. „In der Integrationsarbeit und Flüchtlingshilfe im Landkreis Rastatt tauchen Radikalisierungstendenzen bisher nur selten auf. Damit das so bleibt, wollen wir gemeinsam überlegen was wir präventiv vor Ort tun können, um zu verhindern, dass sich junge Menschen von der Gesellschaft abwenden und sich radikalisieren“, so Tamina Hommer.
 
In verschiedenen Vorträgen wurden den Teilnehmenden zunächst die unterschiedlichen islamistischen Strömungen erklärt. Unter Islamismus versteht man die Instrumentalisierung und Politisierung des Islam, um bestimmte Werte und Vorstellungen zur verpflichtenden Norm für alle zu erheben. Eine der islamistischen Strömungen ist der kämpferische Islamismus, der auch „Jihadismus“ genannt wird. Die Vorstellung der Anhänger des missionarischen Islamismus („Salafisten“) orientiert sich am Leben der ersten drei Generationen von Muslimen. Salafisten wollen den „wahren Islam“ von kultureller Vielfalt und westlichen Einflüssen reinigen. Laut Landesamt für Verfassungsschutz gab es in Deutschland im Jahr 2017 circa 9.700 Anhänger der salafistischen Szene, 750 davon leben in Baden-Württemberg.
 
Yasemin Soylu vom Verein „Mosaik Deutschland e.V.“ machte deutlich, dass es nicht den einen Weg gibt, warum und wie sich Menschen radikalisieren. Die persönlichen Umstände der Personen seien sehr verschieden. Die wahrgenommene Diskriminierung der Gruppe, mit der man sich identifiziert sowie die Wut und Empörung über gesellschaftliche Missstände spielen laut Soylu jedoch eine entscheidende Rolle. Oftmals seien auch familiäre Probleme zu beobachten. Die betroffenen jungen Menschen fühlen sich benachteiligt, orientierungslos und sind auf der Suche nach einem Sinn in ihrem Leben. Die Extremisten knüpfen an diesem Punkt an, sie kämpfen gegen das bestehende System, gegen die vermeintliche Diskriminierung und versprechen, Gerechtigkeit herzustellen. Das vereinfachte Weltbild der Extremisten (gut und böse) liefert dabei simple Erklärungen für alle Lebensbereiche. Der gemeinsame Kampf gegen die bestehenden Strukturen soll jungen Menschen Orientierung und ein Gemeinschaftsgefühl vermitteln. Diese Einstellung geht mit der Abwertung von Andersdenkenden, Autoritätshörigkeit und der Ablehnung demokratischer Werte einher.
 
Um Radikalisierungstendenzen abzuwehren ist es wichtig, dass das Umfeld Veränderungen von Menschen kritisch wahrnimmt, beispielsweise wenn eine Person plötzlich einen anderen Freundeskreis hat, sich anders kleidet, Gewohnheiten verändert oder andere Interessen verfolgt. Für Betroffene und Angehörige gibt es in solchen Fällen Beratungsstellen, an die man sich wenden kann. Eine dieser Beratungsstellen ist das „Violence Prevention Network“, das von Ghida Haidar-Adis und Mehmet Ekincioĝlu vorgestellt wurde. Um die Entstehung von Radikalisierungstendenzen zu verhindern, leisten die Beratungsstellen vielerorts Präventionsarbeit. Dort werden sowohl Jugendliche als auch Fachpersonal in Fortbildungen und Workshops für das Thema sensibilisiert und im Umgang mit Radikalisierung geschult.
 
In der Workshop-Phase am Nachmittag konnten sich die Fachkräfte intensiver über Einzelfälle austauschen und sich Tipps im Umgang mit Radikalisierungstendenzen holen. Ein Workshop beschäftigte sich auch mit der Radikalisierung von rechts und erörterte Strategien, wie man mit (extrem) rechten Argumenten umgehen kann. „Der Fachtag hat uns wertvolle Tipps vermittelt, wie wir Radikalisierungstendenzen erkennen können und wie wir damit umgehen sollten. Wir können das Thema nun besser einordnen und wissen, an welche Beratungsstellen wir uns wenden können“, resümierte Martina Hurst von der Sozialberatung für Flüchtlinge in der Anschlussunterbringung.
 
Das Bundesprogramm „Willkommen bei Freunden – Bündnisse für junge Flüchtlinge“ unterstützt Kommunen dabei, geflüchtete Kinder und Jugendliche gut aufzunehmen und zu integrieren damit diese ihr Grundrecht auf Bildung und Teilhabe wahrnehmen können. Weitere Informationen zum Programm und seinen Angeboten gibt es unter www.willkommen-bei-freunden.de.