Integration 2.0.: Migranten als Kulturmittler - Alltagskompetenz für das Leben in Deutschland soll "einsickern" / Land fördert Projekt im Kreis Rastatt

Artikel aus dem BT Rastatt vom 19. Juni 2019 Von Sebastian Linkenheil

Rastatt/Kuppenheim - "In Deutschland gibt es ein Jugendamt, das aus den Familien kleine Kinder wegholt": Gerüchte, von denen dieses vielleicht das Furchteinflößendste ist, kursieren immer wieder unter neuangekommenen Zuwanderern oder Geflüchteten. Gut, dass Vertreter des Jugendamts im Rahmen des Projekts "MITmachen! - Multiplikatoren für Integration und Teilhabe" damit aufräumen konnten.

Tamina Hommer, Integrationsbeauftragte des Landkreises Rastatt, zieht zufrieden Zwischenbilanz des im Oktober 2018 gestarteten Projekts. Grundgedanke: Zur Förderung der Integration sollen Migranten, darunter auch viele Geflüchtete, zu verschiedenen Bereichen des Lebens in Deutschland geschult werden und in einen direkten Austausch treten. Untereinander, aber zunächst einmal auch mit Akteuren aus verschiedenen Lebensbereichen. Die Teilnehmer zu ehrenamtlichen Kulturmittlern zu machen, die anderen Zugewanderten vertrauensvoll begegnen und sie durch den Alltag in Deutschland begleiten können. Man könnte auch sagen, dass Informationen in die Communitys einsickern sollen, so wie die, dass das Jugendamt nicht einfach Kinder wegholt. Die Abende richten sich auch an ehrenamtliche Flüchtlingshelfer.

Das Projekt besteht aus einer Veranstaltungsreihe unter anderem zu Themen wie "Gesundheit und Aufklärung", "Suchtprävention", "Religiöse Vielfalt", "Schulsystem", "Fit beim Geld", "Knigge im internationalen Kontext" und "Polizei im Rechtsstaat": An einem sonnigen Juniabend sitzen rund 20 Teilnehmer im Gastraum des ehemaligen Gasthauses "Kreuz", das die Stadt Kuppenheim zur Anschlussunterbringung von Flüchtlingen angemietet hat. "Die Polizei, dein Freund und Helfer: So sind wir in Deutschland aufgewachsen", begrüßt die städtische Integrationsbeauftragte Ulrike Sztatecsny die Runde. In den Herkunftsländern mag eher das Gegenteil der Fall sein. Zu vermitteln, dass sich in Deutschland auch Polizisten wie jedermann an Recht und Gesetz halten müssen, ist Polizeihauptkommissar Paul Riehle daher besonders wichtig. Beim auch für den Landkreis Rastatt zuständigen Polizeipräsidium Offenburg ist er stellvertretender Leiter des Referats Prävention. Doch er erklärt auch, dass die Polizei als verlängerter Arm des Staates das Gewaltmonopol ausübt. Er warnt, selbst handgreiflich zu werden oder Rache zu üben. Stattdessen ermuntert er, die Polizei zu verständigen. "Auch Sie können einen Deutschen anzeigen, wir werden uns dann genauso darum kümmern wie im Fall eines Ausländers", ermutigt Riehle und betont den Grundsatz der Gleichheit vor dem Gesetz. Im Notfall rät er dazu, lieber einmal zu oft 110 zu wählen als einmal zu wenig.

Flüchtlinge helfen sich untereinander

Dass Polizisten in Deutschland Festgenommene nicht misshandeln dürfen, betont Riehle deshalb so ausdrücklich, weil das in den Heimatländern der Geflüchteten oft anders ist. Nachfragen mag er trotzdem nicht: "Das könnte schlimme Erinnerungen wachrütteln, das wäre hier nicht der richtige Rahmen."

Sinn der Veranstaltungsreihe ist es vielmehr, mit Vertretern verschiedener gesellschaftlicher Bereiche in ein lockeres Gespräch zu kommen, was an diesem Abend auch gelingt. Mit im Boot sind die Integrationsbeauftragten der Kommunen, in denen die regelmäßig Treffen stattfinden: Rastatt, Gaggenau, Bühl, Kuppenheim, Gernsbach und Sinzheim. Außerdem ist das DRK Bühl/Achern ein Partner, mit dem das Projekt gemeinsam entwickelt wurde, Diakonie und Caritas, das Polizeipräsidium Offenburg, eine Hebamme und eine Religionswissenschaftlerin und sogar eine Image-Beraterin. "Die Treffen sind sehr informativ, und es kommt eigentlich immer ein gutes Gespräch zustande", weiß Hommer, die im Wechsel mit den kommunalen Integrationsbeauftragten teilnimmt. Das liegt sicher auch daran, dass sich die Gruppen oft schon kennen, auch die Akteure sind meist keine Unbekannten. "Es gibt im Landkreis viele Geflüchtete, die sich ehrenamtlich engagieren, zum Beispiel als Begleiter bei Behördengängen oder Dolmetscher", berichtet Hommer. Sie sollen weiter qualifiziert und gestärkt werden. Das Amt für Migration, Integration und Recht im Landratsamt übernimmt Koordinierung und Finanzierung des vom Land geförderten Projekts.

Da die Landesförderung im September ausläuft, ist das auch das vorläufige Ende des Projekts. Aber Tamina Hommer bereitet mit ihren Kollegen schon ein neues vor: interkulturelle Gesundheitslotsen.